Ein Dekubitus – umgangssprachlich Druckgeschwür oder Wundliegen – gehört zu den häufigsten und zugleich am besten vermeidbaren Komplikationen in der Pflege. Er entsteht, wenn Haut und darunterliegendes Gewebe über längere Zeit zusammengedrückt werden und die Durchblutung stockt. Betroffen sind vor allem Menschen, die lange sitzen oder liegen und sich nicht selbst bewegen können. Die gute Nachricht: Mit aufmerksamer Beobachtung, regelmäßigem Positionswechsel und den passenden Hilfsmitteln lässt sich das Risiko deutlich senken. Dieser Ratgeber fasst die Grundlagen der Dekubitusprophylaxe für Angehörige, Pflegekräfte und Einrichtungen zusammen.
Wie ein Dekubitus entsteht
Zwischen Knochen und Unterlage wird das Gewebe zusammengepresst. Bleibt der Druck über Stunden bestehen, werden kleine Blutgefäße abgeklemmt, das Gewebe wird nicht mehr versorgt und beginnt zu schädigen – zunächst unsichtbar in der Tiefe, dann als Rötung an der Oberfläche. Scherkräfte (Rutschen im Bett), Reibung und Feuchtigkeit durch Schweiß oder Inkontinenz verstärken den Prozess. Typische Stellen sind Steißbein und Kreuzbein, Fersen, Hüftknochen, Sitzbeinhöcker, Schulterblätter, Ellenbogen und der Hinterkopf.
Wer ist gefährdet?
- Menschen mit stark eingeschränkter Mobilität – bettlägerig, im Rollstuhl, nach Operationen
- Personen mit vermindertem Schmerz- oder Druckempfinden, etwa bei Diabetes, Lähmungen oder Demenz
- Ältere Menschen mit dünner, trockener Haut und wenig Unterhautfettgewebe
- Mangelernährte Personen und Menschen mit zu geringer Flüssigkeitszufuhr
- Personen mit Inkontinenz, bei denen die Haut häufig feucht ist
Pflegefachkräfte schätzen das Risiko mit standardisierten Skalen ein, etwa der Braden-Skala. Für Angehörige gilt die einfache Regel: Wer sich nicht mindestens alle zwei Stunden selbst umlagert, braucht Unterstützung.
Haut beobachten: der Fingertest
Sehen Sie sich gefährdete Stellen mindestens einmal täglich an, zum Beispiel bei der Körperpflege. Eine Rötung, die nach Druckentlastung nicht innerhalb kurzer Zeit verschwindet, ist ein Warnsignal. Der Fingertest hilft bei der Einordnung: Drücken Sie mit dem Finger kurz auf die gerötete Stelle. Wird die Haut dabei blass und färbt sich dann wieder rot, ist die Durchblutung intakt. Bleibt die Rötung bestehen, liegt bereits ein Dekubitus im Anfangsstadium vor – dann sollte umgehend eine Pflegefachkraft oder die Hausarztpraxis hinzugezogen werden.
Bewegung und Positionswechsel
Die wirksamste Prophylaxe ist Bewegung. Jede Eigenbewegung – ein Beinheben, ein Hüftschwung, das Aufsetzen zum Essen – entlastet gefährdete Stellen. Wo Eigenbewegung nicht möglich ist, übernehmen Angehörige oder Pflegekräfte das Umlagern:
- Rhythmus: je nach Risiko alle zwei bis vier Stunden, nachts angepasst an den Schlaf.
- 30-Grad-Schräglage: Statt strenger Seitenlage wird der Körper mit Kissen leicht zur Seite gedreht – so liegt niemand direkt auf Hüftknochen oder Kreuzbein.
- Fersen frei lagern: ein Kissen unter den Unterschenkeln hebt die Fersen ohne Druck.
- Mikrobewegungen: kleine Positionsänderungen zwischen den großen Umlagerungen, etwa ein Kissen unter einer Körperseite.
- Sitzen begrenzen: Im Rollstuhl oder Sessel alle 15 bis 30 Minuten kurz entlasten, Sitzphasen auf ein bis zwei Stunden begrenzen.
Hilfsmittel zur Druckverteilung
Gel-Sitzkissen für Rollstuhl und Sessel
Im Sitzen lastet das Körpergewicht auf einer kleinen Fläche über den Sitzbeinhöckern. Ein Sitzkissen mit Gel- oder Gel-Schaum-Kern verteilt den Druck auf die gesamte Sitzfläche und passt sich der Körperform an. Achten Sie auf die Größe: Das Kissen sollte die Sitzfläche des Rollstuhls oder Stuhls vollständig ausfüllen (gängige Maße 40 × 40 bis 52 × 52 cm), eine rutschhemmende Unterseite und einen abnehmbaren, waschbaren Bezug haben. Ein Inkontinenzbezug schützt den Kern vor Feuchtigkeit.
Weichlagerungsmatratzen
Schaumstoff-Weichlagerungsmatratzen aus mehreren Schichten oder mit Gel-Einlage lassen den Körper einsinken und vergrößern die Auflagefläche. Sie sind für Menschen mit mittlerem Risiko geeignet und ersetzen die normale Matratze im Pflegebett. Bei hohem Risiko oder bestehendem Dekubitus kommen Wechseldruck-Systeme zum Einsatz, die ärztlich verordnet und vom Sanitätshaus eingestellt werden. Wichtig: Auch auf einer Weichlagerungsmatratze bleibt der Positionswechsel notwendig, nur die Abstände können größer sein.
Weitere Helfer
- Lagerungskissen und -rollen für die 30-Grad-Lage und die Fersenfreilagerung
- Atmungsaktive Bettschutzeinlagen, die Feuchtigkeit ableiten (siehe Ratgeber Bettschutz)
- Gleitmatten oder Gleittücher, um Reibung und Scherkräfte beim Umlagern zu vermeiden
Hautpflege, Ernährung und Flüssigkeit
- Reinigen: mit lauwarmem Wasser und pH-neutraler Waschlotion, Haut trocken tupfen statt reiben.
- Pflegen: trockene Haut mit Wasser-in-Öl-Emulsionen geschmeidig halten; keine Massagen gefährdeter Stellen, kein Föhnen, kein Alkohol auf der Haut.
- Feuchtigkeit vermeiden: Inkontinenzprodukte regelmäßig wechseln, Hautschutzcreme dünn auftragen (siehe Ratgeber Inkontinenzprodukte).
- Ernährung: ausreichend Eiweiß, Vitamine und Flüssigkeit – Mangelernährung verzögert jede Regeneration.
Wann professionelle Hilfe nötig ist
Bei einer bleibenden Rötung, offenen Hautstellen, Blasen oder Schmerzen an Druckstellen ist eine Pflegefachkraft oder die Hausarztpraxis gefragt. Dekubitus wird in Kategorien eingeteilt; ab Kategorie 2 ist eine Wundversorgung nach ärztlichem Plan notwendig. Angehörige können sich beim Pflegedienst oder Pflegestützpunkt schulen lassen – Pflegekurse für Angehörige nach § 45 SGB XI sind kostenfrei.
Für Pflegeeinrichtungen, Pflegedienste und Sanitätshäuser
Sanicura liefert Dekubitus-Sitzkissen und Weichlagerungsmatratzen von Funke Medical in allen gängigen Größen sowie Bettschutz, Inkontinenzversorgung und Einmalhandschuhe – als Komplettsortiment für Einrichtungen über den Großhandelskatalog. Angehörige finden Sitzkissen und Zubehör im Online-Shop. Eine kostenfreie Informationsbroschüre zu Demenz, Dekubitus und Inkontinenz unterstützt Beratungsgespräche am Tresen.




